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Insbesondere im Vajrayana, einem tiefgründigen Weg, der auch die sogenannten "Geistesgifte" (Hass, Neid, Stolz usw.) auf dem Pfad nutzt, wird dem Lehrer  eine große Bedeutung zugemessen. Zwar hat der historische Buddha vor über 2500 Jahren den Grundstein für die befreiende Lehre gelegt, es sind aber die in einer ununterbrochenen Linie stehenden Schüler und Lehrer, die bis heute diese Lehre weitergegeben und selbst praktiziert haben.

Aus diesem Grund wird dem Lehrer in den Schulen des tibetischen Buddhismus, die man hier häufig mit dem Titel "Lama" bezeichnet, eine besondere Bedeutung beigemessen. Man sollte sich aber gerade als Anfänger auf dem Weg sehr gut überlegen, wie man dem oder den Lehrern begegnet. Hingabe mag gut sein, ein hirnloses Hinterherrennen hinter einem "Guru", was der Sanskritbegriff für Lehrer ist, ist jedoch völlig unangebracht und zeugt von Unreife. Und ist darüberhinaus völlig konträr zur buddhistischen Lehre. Denn auch der Buddha sagte auf seinem Sterbebett zu seinem getreuen Mönch Ananda, als dieser ihn fragte, wem man in Zukunft denn folgen sollte: "Seit euch selbst eine Zuflucht".  Allerdings ist es schwierig, in sich eine solch ruhige und stabile Geistesverfassung zu kreieren. Aus diesem Grund kann es sinnvoll sein, einen Lehrer für seinen Weg zu nutzen.


    Insbesondere wenn Menschen aus unserem westlichen Kulturkreis auf den  tibetischen Buddhismus stoßen und an ihm Interesse zeigen, können sie erheblich verwirrt werden durch die Bedeutung des Meisters, Guru oder Lama (wie man dies auch immer benennen möchte), die dieser/diese  zugewiesen bekommt. Wenn es heißt, der Lama ist die „Quelle allen Segens und Inspiration“, dann hört sich das für uns aufgeklärte Rationalisten schnell nach sektiererischem Aberglauben an. Man hat ja so seine Erfahrungen mit Bagwan und Co. Dennoch gibt es sehr gute Erklärungen, auch rational nachvollziehbare, sowie logisch begründbare Argumente, die dafür sprechen, dass man mit Hilfe eines verwirklichten Meisters sehr „schnelle“ Ergebnisse für die eigene spirituelle Entwicklung erfahren kann. Was allerdings nicht immer nur angenehm sein muss, zumindest oberflächlich betrachtet.
Im Idealfall ist ein solcher „Lama“ ein Mensch, der tatsächlich erkannt hat, wie die Natur des Geistes beschaffen ist. Der jenseits steht von der Anhaftung an die Erscheinungen, die in diesem Geist spontan auftauchen und an ein tatsächlich existierendes Selbst, der darüber hinaus ein nicht-unterscheidendes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen entwickelt hat und der kein Eigeninteresse verfolgt. Und der dennoch völlig korrekt in Übereinstimmung mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung sein äußeres Wirken setzt.


Schön und gut, so viel zur Theorie. Nur, wie kann man denn bitteschön erkennen, ob Lama XY nun ein „richtiger“ Lama ist? Dieser oder jener Rinpoche (was übersetzt „kostbarer“ heißt und ein Ehrentitel sein kann oder aber die Bezeichnung für einen bewusst wiedergeborenen Lama ist) tatsächlich ein verwirklichter Meister ist? Schwierig, zugegeben. Aber für mit einem einigermaßen gesunden Menschenverstand ausgestattete, kritisch überprüfende Menschen sollte dies dennoch machbar sein.

Da gibt es einige Vertreter, die mit dem Titel Lama durch die Gegend reisen und eine Menge (westliche) Schüler um sich scharen und von diesen auch verehrt werden. Ist das ein Zeichen, ein Gütesiegel für den Lama?

Nein. Es ist erst mal ein Zeichen dafür, dass da jemand ein gewisses Charisma hat. Solche Leute gibt es aber viele, wie Tokyo Hotel beweist. Und das sagt erst mal gar nix aus über echte spirituelle Fähigkeiten.

Es gibt andere, die darüber hinaus noch schriftliche „Beweise“ von anderen Autoritäten der tibetischen Schulen vorzeigen können, die sie angeblich als Lamas auszeichnen. Da liest man dann lustig wirkende „Urkunden“ und „Diplome“ von diesem oder jenem Rinpoche. Das ist nicht mehr als höherer Blödsinn und sagt mehr über die Eitelkeit dieser vorgeblichen Meister aus als über ihre tatsächliche Verwirklichung. Wer so was nötig hat, hat es nötig.

Patrul Rinpoche, der von 1808 bis 1887 in Tibet einer der größten Meditationsmeister war und bis heute großen Einfluss auf zahlreiche heute lebende Lehrer hat, drückte es in einer seiner vielen Gedichte praktisch aus, wie man falsche Lehrer, die es auch zu seiner Zeit häufig gab, erkennt. Dieses Gedicht kann man, auch wenn an manchen Stellen etwas altmodische Worte und Wendungen gebraucht werden, wunderbar auf unsere heutigen Verhältnisse übertragen.



Manche (Lamas) verteidigen ihre Kaste wie Brahmanen
Und tauchen aus Angst um ihre Pfründe
In eine Imitation von Studium und Nachdenken ein.
Solche Führer gleichen einem aus Holz geschnitztem Mühlstein.

 Manche, obwohl nicht anders als das gewöhnliche Volk
Werden getragen von der dümmlichen Verehrung der Leute.
Stolzgeschwellt von all den Ehren, Opfergaben und Vorteilen
Gleichen Lehrer wie diese dem Frosch in seinem Brunnen.
(Das Gleichnis vom Frosch erzählt von der unglaublichen Engstirnigkeit und der tödlichen Mischung aus Nichtwissen und Selbstüberschätzung)

 Manche haben wenig Wissen  und vernachlässigen ihre Gelübde,
von gemeiner Gesinnung ist ihr Gebaren wild und über alles erhaben.
Sie haben die Lebensader des Mitgefühls durchtrennt –
Mit wildgewordenen Führern wie diesen wird alles Übel vermehrt.

 Besonders jenen zu folgen, die nicht besser sind als ihr
Die kein Bodhichitta
haben und nur an ihrem Ruhm interessiert sind,
wäre ein riesiger Fehler.
Mit Betrügern wie diesen als euren blinden Führer,
wandert ihr tief in die Finsternis hinein
.

Den Lehrer nicht prüfen, heißt Gift trinken.



 Dieses Gedicht von Patrul Rinpoche beweist eindrücklich, dass man sich nicht durch großspuriges oder besonderes Verhalten eines Menschen blenden lassen soll, vor allem nicht wenn es um spirituelle Dinge handelt. Traditionell soll man einen Lehrer, ehe man diesen als eigenen akzeptiert, sieben Jahre lang prüfen und sein Verhalten sorgfältig untersuchen, ob er sich auch gemäß den „normalen“ Regeln verhält. Insbesondere, wenn ein "Lehrer" Ratschläge erteilt, welchen Lehrer oder welche Lehre man meiden sollte oder sich darüber auslässt, wie großartig die eigene Gruppe ist, sollte man schleunigst die Beine in die Hand nehmen und sich was anderes suchen.

Alles andere wäre spirituelle Dummheit, nicht mehr, nicht weniger.

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